Zur Navigation

Galerie Klaus Gerrit Friese

Gesprächsreihe »Über Kunst« – 19. Termin in der Galerie Klaus Gerrit Friese am Dienstag, den 26. Juni 2012, mit dem Künstler Thomas Grünfeld.

Viel wird über die Bedeutung von Kunst in der Gesellschaft diskutiert. Unter dem Titel »Über Kunst« konzipieren wir in Zusammenarbeit mit den Stuttgarter Nachrichten eine eigene Veranstaltungsreihe.

Einfacher Eingang in viele Ebenen

Herr Grünfeld auf dem PodiumThomas Grünfeld (alle Fotos: Frank Kleinbach)

Ein Schwan kombiniert mit einem Gnu, Tieraugen, die aus Hochglanzflächen blicken – Thomas Grünfeld ist durch das Spiel mit Realitäten international bekannt. Jetzt war Grünfeld Gast der Reihe “Über Kunst” in der Galerie.

Keine Zurückhaltung. Thomas Grünfeld, 1956 in Opladen geboren, ist sofort präsent. Nein, sagt er gleich zum Auftakt, von etwas wie einem Heimspiel könne keine Rede sein. Und tatsächlich – der Aufbruch, der auch mit Künstlernamen wie Thomas Locher und eben Thomas Grünfeld um 1980 in Stuttgart verbunden war, ist im erlebbaren Kunstgedächtnis der Stadt kaum vertreten.

Zwei Herren im Gespräch auf dem PodiumNikolai B. Forstbauer im Gespräch mit seinem Gast

Da war natürlich eine ungeheure Intensität, erinnert Grünfeld im Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter der Stuttgarter Nachrichten, an die Szenerie um die Galeristen Tanja Grunert, Max Hetzler und Hans-Jürgen Müller, an den Schulterschluss mit europäischen Privatgalerien für jene Schau “Europa 79”, mit der 1979 in kühner Behauptung die Kunst der 1980er Jahre vorgestellt wurde. Mittendrin: Studierende der Stuttgarter Kunstakademie, spätere Absolventen der Malklasse von Paul Uwe Dreyer. Dabei muss man aber vorsichtig sein, sagt Grünfeld. Ich weiß nicht, ob wir für unsere Arbeit wirklich etwas gelernt haben. Eines aber verbindet den Stuttgarter Aufbruch jener Tage und Jahre – da war schon, sagt Grünfeld, anders als wenn vor allem über Kunst geredet wird, der Antrieb, etwas Dingliches in die Welt zu bringen.

Aufnahmen von BesuchernUnter den Besuchern der ehemalige Direktor der Staatsgalerie Christian von Holst im Gespräch mit Thomas Grünfeld und Dr. Ulrike Groos, Leiterin des Kunstmuseums Stuttgart (linkes Bild) | Stuttgarter Galeristen unter sich: Sandro Parrotta (Mitte) mit dem Ehepaar Hauff.

Ist diese Dinglichkeit vom Prinzip der Collage getrieben? Grünfeld zögert, verneint hart. Dieses Filzbild – ist das für Sie eine Collage?, fragt er zurück. Oder dieses Augenbild dort? Ich bringe doch nicht Dinge zusammen, die ich einfach so finde. Und Kombinatorik? Da geht Grünfeld, seit 2004 Professor für Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie, schon eher mit. Ich bleibe immer im jeweils gewählten Material, betont er – und tatsächlich ist seine Umkehrung der Malerformel von der Farbe als Material hin zum Material, das als Farbe dient, ja gerade inmitten seiner Werke in der Galerie Klaus Gerrit Friese in aller Konsequenz zu erleben.

Im Katalog zur Ausstellung findet sich ein weiterer Katalog mit Texten und Bildern. Das ist kein bloßer Gimmick, sondern ein wohl durchdachter Eingriff, der die Arbeitsweise des Künstlers in spezifischer Weise darlegt. Die Ausstellung mit dem seltsamen Titel “Über” ist eine Art Retrospektive. Die Auflösung findet sich auf dem Titel des Katalogs. Da ist zu lesen Über Thomas Grünfeld. Grünfeld ist ein Profi, der sehr genau weiß, wie eine Ausstellung einzurichten ist. So wie der Katalog sich sozusagen selber zeigt, indem er einen weiteren Katalog beinhaltet, so führt die Ausstellung in spezifischer Weise sich selbst vor.

Aufnahmen von BesuchernThomas Grünfeld und Kunstmuseums-Chefin Ulrike Groos mit dem Präsident der deutschen Sektion der AICA, der Internationale Vereinigung der Kunstkritiker, Thomas Wulffen (linkes Bild) | Hausherr Klaus Gerrit Friese (rechts) mit Hans Glökler.

Die Präsentation umfasst Arbeiten von 1986 bis in die Gegenwart. In den frühen Werken lässt sich noch der Schrecken der Gemütlichkeit der 1950er und 1960er Jahre nacherleben. Grünfeld hat diese Zeit als Kind miterlebt. Das Wohnzimmer war Rückzugsgebiet vor den Monstern des Krieges und den Zumutungen der Moderne. Man richtete sich mit monumentalen Wandtheken ein, die heute wie eine Zumutung erscheinen. Ein Exemplar davon ist auch in der Ausstellung zu sehen, eine Art Zwitter aus Bild und Skulptur. Dekor und Funktion überlagern sich hier und bieten keinen Ausweg. Und was verbergen die zugezogenen Gardinen, die jegliches Licht ausblenden? Da hält sich der Besucher an den Gummis, deren Funktion rätselhaft bleibt: Das Ende des Designs in der Schwerkraft des Objekts. Das ist natürlich irritierend, sagt Grünfeld und lacht – man will sie anfassen und ahnt doch, dass sie bei ihrer Spannung platzen könnten, wenn man sich draufsetzt.

Aufnahmen von BesuchernIm linken Bild: Jazz-Legende Wolfgang Dauner (Mitte) im Gespräch mit Bernd Milla, dem Geschäftsführer der Kunststiftung Baden-Württemberg (re.) | Christian von Holst mit Randi Bubat (rechtes Bild, rechts).

Zum Star aber machten Grünfeld die erstmals 1990 präsentierten Misfits, Tiere, die in Labors kühner Genforscher entwickelt worden sein könnten. Der Künstler legt diesen Schrecken in seine Tierskulpturen – und hat Erfolg. Wann wird solcher, wann wird die Erwartung der Misfits-Produktion zur Falle? Erst einmal, sagt Grünfeld, ist meine Arbeit keine Kritik der Gentechnik. Es geht um die Frage der Skulptur. Und dann ist das natürlich immer gefährlich, wenn die Erwartungen in eine bestimmte Richtung gehen. Aber auch eine Herausforderung, neue Wege zu gehen. Im aktuellen Schaffen von Grünfeld stehen hierfür die Filzbilder. Der skulpturale Gehalt ist zugunsten eines mehr zeichnerischen zurückgenommen. Ist schon das Material Filz wiederum ein Verweis auf Methoden und Positionen in der jüngeren Kunst-geschichte? Natürlich interessieren sich Künstler immer für Kunst, sagt Grünfeld knapp. Und das versteht, wie an diesem “Über Kunst”-Abend deutlich wird, der Akademielehrer Grünfeld auch als Anforderung an seine Studierenden. Nur herumreden, ergänzt er mit Blick auf die Haltung an der Düsseldorfer Akademie, das geht bei uns nicht, man muss schon etwas Eigenes in die Welt stellen. Ernst sagt er dies, mit Nachdruck.

Der Ton wird versöhnlich, als die Rede noch einmal auf die Kunst kommt. Hinter Grünfeld hängt ein großformatiges Filzbild. Auch darauf (oder darin?) ist ein Tier zu sehen. Diesmal allerdings nicht als Konglomerat verschiedener Arten, sondern als deutliche identifizierbarer Vogel. “Federball” heißt das Bild. Und Thomas Grünfeld sagt dazu: Das ist eine Anforderung, die ich bis heute an die Kunst stelle: Dass ich einen ganz einfachen Eingang erlaube und sei es einen niedrigen Affekt. Es ist ein Einstieg mit Hintersinn: Dass danach mehrere Ebenen erschließbar sind, ist selbstverständlich. Bis hin zur literarischen Ebene, die in einem Hinweis auf Jorge Luis Borges und dessen Erzählung Die analytische Sprache von John Wilkins deutlich wird.

Noch unter dem Beifall unserer Besucherinnen und Besucher steht Thomas Grünfeld auf, ruckartig fast. Gerade so, als wolle er deutlich machen, dass er als Künstler Kunst zu machen habe, keine Rede halten wolle.

Wir danken den Stuttgarter Nachrichten für den Text. Den Text verfasste Thomas Wulffen, Präsident der deutschen Sektion der AICA, der Internationalen Vereinigung der Kunstkritiker.

Wenn Sie unsere Seiten weiterhin besuchen, sind Sie mit der Nutzung von Cookies einverstanden. mehr Infos

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen