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Galerie Klaus Gerrit Friese

Gesprächsreihe »Über Kunst« – 3. Termin in der Galerie Klaus Gerrit Friese am 11. März 2009 mit Peter Weibel

Neue Privatgalerien und Ausstellungsräume, aber auch neue private Museen und neue Verantwortliche in den öffentlichen Kunstforen – die Kunstszene in der Region Stuttgart ist im Aufbruch. Grund genug, der Bedeutung von Kunst in der Gesellschaft nachzuspüren. Unter dem Titel Über Kunst präsentieren wir in Zusammenarbeit mit den Stuttgarter Nachrichten eine neue Veranstaltungsreihe.

Unser Gast war am Mittwoch, 11. März 2009, der Kunst- und Medientheoretiker, Verfechter der Avantgarde sowie Vorstand des Zentrums für Kunst- und Medientechnologie Karlsruhe Peter Weibel im Gespräch mit dem Leiter des Feuilletons der Stuttgarter Nachrichten, Nikolai B. Forstbauer.

zwei Herren auf dem Podium vor einem Gemälde Nikolai B. Forstbauer (links) im Gespräch mit Peter Weibel (Fotos: Frank Kleinbach)

Die Rolle des Künstlers, sagt Weibel, in den 1960er Jahren Mitbegründer des Wiener Aktionismus, sei für ihn immer mit den größeren Nachteilen behaftet gewesen. Und der Theoretiker Weibel? Sei im Zuge einer Selbstverteidigung der Kunst gefragt gewesen, antortet der in Odessa Geborene.

Spielraum für Avantgarde und Innovation sieht er heute vor allem in seiner Rolle als Kurator: Innovation zeigt sich auch daran, so Weibel, dass man die Qualität eines Künstlers schon früh erkennt. Beispiele aus seiner Praxis kann Weibel dafür viele nennen – insbesondere solche, die von der Öffentlichkeit zunächst ignoriert wurden. Da gibt der Kunstexperte dem ehemaligen sowjetischen Staatschef Gorbatschow Unrecht: Wer zu früh kommt, sagt Peter Weibel, den bestraft das Leben. Als Museumsmacher sieht er sich in der Rolle des Avantgardisten, der durch Früherkennung später bedeutende Kunstwerke zu erschwinglichen Preisen erwirbt.

Besucher des Vortrags sowie der Gast In der vorderen Reihe: Eva Scharpff, Prof. Hans Dieter Huber, Frau von Lucius, Rudolf Scharpff, Prof. Wulf D. von Lucius (von links)

In Karlsruhe zeigt Weibel derzeit mit Notations eine Ausstellung mit Werkstattcharakter. Bei Über Kunst nimmt er dies zum Anlass, den Werkbegriff generell neu zu beleuchten und vergleicht das Verhältnis zwischen Werk und Interpretation in der Bildenden Kunst mit dem in der Musik und dem Theater. Experiment schließt Besucherinteresse nicht aus, unterstreicht Weibel und verweist auf jährlich 220.000 Besucher im ZKM. Eine Zahl, die sicher auch Rückendeckung für die Zusammenarbeit mit Sponsoren gibt. Über dieses wird die Zusammenarbeit mit Fachkräften aus Soziologie, Politologie, Kunstgeschichte und anderen Disziplinen betreut. Weibel: Ich muss im Jahr immerhin zwei Millionen Euro auftreiben.

Besucher des Vortrags Interessierte Zuhörer

Im Gegensatz zu herkömmlichen Museen muss das ZKM zudem versuchen, mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten – das heißt: Ersatzteile müssen auf Vorrat eingekauft werden, da ihre Lieferbarkeit nicht lange gewährleistet ist. Zugleich steht das Zentrum in der Erwartung der Politik zwischen den Anforderungen der Produktentwicklung und der Publikumswirksamkeit.

Leicht hat es Peter Weibel dabei nicht immer. Speziell in Deutschland beklagt er eine gewisse Rückwärtsgewandtheit und Forschungsblindheit. Zwar liege Baden-Württemberg in deutschen Vergleich im Bereich Forschung weit vorne, Deutschland insgesamt jedoch bleibe im internationalen Vergleich weit hinten: Man ist blind für die Innovation.

Peter Weibel auf dem Podium Prof. Peter Weibel

Als Beispiel führt er die Entwicklung randomisierter Suchprogramme im Internet an. Herkömmliche Suchmaschinen vergleicht er mit einer kartesischen Biene, die das Fenster, das sie durchfliegen möchte, systematisch absucht und zuletzt stirbt. Weibels randomisierte Fliege dagegen stößt von der Scheibe ab, in den Raum hinaus, zufällig auf die Scheibe zurück, und hat eine größere Chance. Um Modelle zu entwickeln, die ein Lernen von Lebewesen systematisieren, sind jedoch kostenintensive Forschungen notwendig – Filme müssen erstellt werden, Mathematiker und Biologen herangezogen werden.

Wie wird sich das Internet auf die künstlerische Produktion auswirken? Auf jeden Fall verändernd. Weibel zitiert Siegmund Freud. Die Schrift ist das Medium der Absenz, schrieb dieser 1930 – und Weibel schließt daraus, alle Medien seien Mittel zur Überwindung von Distanzen, seien Teletechnik. Er hält Rückblick auf die Entwicklung der Vorstellung eines autonomen Kunstwerkes nach 1900 und sieht vor allem für diesen Begriff der Autonomie einschneidende Veränderungen voraus. Dabei stützt er sich auch auf Theoretiker wie Niklas Luhmann und dessen These Das System hat andere Eigenschaften als seine Teile.

Besucher des Vortrags sowie der Gast Unter den Zuhörern der Stuttgarter Sammler Rudolf Scharpff, Prof. Wulf D. von Lucius, Galerist Sandro Parrotta, Künstlerhaus-Leiter Axel Wieder sowie Christiane Friese (von links)

Dass er immer für eine Überraschung gut ist, beweist Weibel mit einem Votum für den Handlungsspielraum eines Galeristen. Er möchte Kunstwerke verkaufen und in Zahlung geben können, um neue Werke einzukaufen. Ich würde gerne Schulden machen dürfen, sagt er – alles zum Wohle der zeitgenössischen Kunst. Einer Kunst, die, wenn sie elektronische Medien nutzt, durch deren Vergänglichkeit immer vom Verschwinden bedroht ist. Für Peter Weibel wird daraus ein Argument für ebendiese Kunst. Die Medienkunst, sagt er, ist in Wirklichkeit die reinste Kunst.

Wir danken den Stuttgarter Nachrichten für den Text. Dort sind auch weitere Informationen und Bilder zu finden.

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