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Galerie Klaus Gerrit Friese

Gesprächsreihe »Über Kunst« – 9. Termin in der Galerie Klaus Gerrit Friese am Dienstag, den 13. April 2010, mit Nicolaus Schafhausen

Viel wird über die Bedeutung von Kunst in der Gesellschaft diskutiert. Unter dem Titel »Über Kunst« konzipieren wir in Zusammenarbeit mit den Stuttgarter Nachrichten eine eigene Veranstaltungsreihe.

Zu Gast war am 13.4.2010 der Kurator Nicolaus Schafhausen. Es war sein erster offizieller Auftritt in Stuttgart seit zwölf Jahren. Nicolaus Schafhausen, von 1995 bis 1998 künstlerischer Leiter des Künstlerhauses Stuttgart, als zweimaliger Kommissar für den deutschen Pavillon der Biennale Venedig international bekannt, war am Dienstag Gast bei Über Kunst.

»Kunstvermittlung ist Bildungsarbeit«

Im Internet-Forum Facebook hat Nicolaus Schafhausen derzeit 1911 sogenannte Freunde, die sich über die gesamte Welt verteilen. Aber auch seine Fangemeinde in Stuttgart kann sich sehen lassen: Mehr als 100 Neugierige, darunter auffallend viele junge Künstlerinnen und Künstler, Galeristinnen und Galeristen sowie Leiterinnen und Leiter von Museen und Kunstvereinen, sind gekommen, um den höchst aktiven Kunstvermittler zu erleben. Kein Wunder: Mit seinem Umbauraum war es Schafhausen als Nachfolger von Ute Meta Bauer als künstlerischer Leiter des Künstlerhauses zwischen 1995 und 1998 gelungen, das Künstlerhaus Stuttgart in der Stadt neu zu verorten und zu vernetzen. Von Künstlern geschaffene Möbelstücke, eine Bibliothek und offen zugängliche Computer machten den zweiten Stock des Gebäudes zum öffentlichen Wohnzimmer.

zwei Personen im Gespräch Nicolaus Schafhausen im Gespräch mit dem Sammler Rudolf Scharpff

Auch das Zusammentreffen in der Galerie Gerrit Friese bekommt familiäre Züge, zum Beispiel wenn Nicolaus Schafhausen ehemalige Wegbegleiter wie Rainer Ganahl, heute Professor an der Stuttgarter Kunstakademie, und Ulrike Groos, neue Direktorin des Stuttgarter Kunstmuseums, direkt anspricht und mit einbezieht.

Wie alles begann? Für viele ungewohnt ehrlich bekennt Schafhausen im Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter unserer Zeitung: Ich habe Kunstgeschichte studiert, weil ich nicht an der Kunstakademie angenommen wurde. Und ergänzt: Ich habe nicht strategisch geplant, Kurator zu werden, das kam. 1990 nahm Schafhausen als Künstler an der heute legendären internationalen Gruppenausstellung The Köln Show teil. 1991 hatte er – ebenfalls als Künstler – ein Stipendium am Künstlerhaus Bethanien in Berlin und organisierte in seinem Studio die ersten Ausstellungen mit Kai Althoff, Olafur Eliasson und Carsten Höller.

Besucher des Vortrags links: Galerist Klaus Gerrit Friese im Gespräch mit Annett Reckert und Werner Meyer | rechts: über 100 Gäste fanden den Weg in die Rotebühlstraße

Auch wenn der heute 45-Jährige behauptet: Ich bin überhaupt kein Theorie- und Diskurs-Fan wie meine Künstlerhaus-Vorgängerin Ute Meta Bauer, merkt man seinen Ausführungen wie seiner Biografie das gesellschaftsorientierte Denken an. Kunstvermittlung ist Bildungsarbeit, sagt er. Und: Man muss die Institution, an der man arbeitet, permanent hinterfragen. Seit 2006 tut er dies als Direktor des Ausstellungsforums Witte de With in Rotterdam. Die vermeintlich offene Gesellschaft fand er in den Niederlanden nicht vor. Fast wäre ich, wie es auch meine Vorgängerin Catherine David formuliert hat, nach drei Monaten geflüchtet, gesteht Schafhausen. Gerade die Widersprüche aber reizen ihn. Auch jener des Ortes selbst. Rotterdam, sagt Schafhausen, hat eine sehr geringe Bildungsbürgerschicht, und wir sind eine klassische klientel-orientierte Institution.

Schafhausen am Mikrofon Nicolaus Schafhausen

Ein leises Raunen geht durch den Raum, als Schafhausen erzählt, dass das Witte de With vom Staat mit drei Millionen Euro jährlich subventioniert wird, aber in dieser Zeit gerade mal 25.000 Besucher vorzuweisen hat. Einen vermeintlich elitären Anspruch mildert Schafhausen sogleich ab: Ob das, was wir ausstellen, in 20 Jahren zum kunsthistorischen Kanon gehören wird, ist irrelevant, sagt er. Wichtig sei die Auseinandersetzung im Hier und Jetzt. Dazu gehören auch Publikationen und die Vermittlungsarbeit an Hochschulen und Schulen. Wo und wie drohen der Vermittlungsarbeit Einschränkungen? Die Evaluierung, so Schafhausen, sehe ich als größte Gefahr für frei verantwortete Projekte. Und wie ist das mit der Rolle und dem Beruf des Kurators (Schafhausen: Als ich anfing, sprach man ja eigentlich nur von Ausstellungsmachern). Den Sinn etwaiger Kuratorenschulen bezweifelt er und schlägt stattdessen Kuratorenkurse an den Kunstakademien vor. Vorbildlich sei in diesem Zusammenhang etwa die Kuratorenförderung durch die Ursula-Blickle-Stiftung in Kraichtal-Unteröwisheim bei Karlsruhe.

Besucher des Vortrags links: Nikolai B. Forstbauer und Hanne Forstbauer | rechts: Ehepaar Scharpff mit Cristina Barroso (re.)

»Ich finde nicht das einzelne Kulturobjekt interessant, mich interessiert der Mehrwert«

Ins internationale Rampenlicht rückte Schafhausen als Kommissar des deutschen Pavillons auf der 52. und 53. Kunstbiennale in Venedig. 2007 präsentierte er unter Beifall Isa Genzkens Projekt Oil, 2009 musste Schafhausen für die Zusammenarbeit mit dem Briten Liam Gillick viel Kritik einstecken. Aus seiner Sicht vor allem von den deutschen Tageszeitungen. Ich habe, sagt Schafhausen, das Harmoniebedürfnis der Kunstkritik unterschätzt. Und er betont: Den Auftrag, die Kulturnation Deutschland zu repräsentieren, habe ich sehr ernst genommen. Liam Gillicks Werk sei seine Definition dessen, wie staatliche Repräsentation von Kultur heute aussehen müsse. Und er fügt hinzu: Ich finde nicht das einzelne Kulturobjekt interessant, mich interessiert der Mehrwert. Ergebnis waren unter anderem 20.000 E-Mails und 12.000 Briefe, die Schafhausen erreichten. Selten ist ein Nationalpavillon so heftig diskutiert werden, insofern haben wir doch einiges erreicht, lacht Schafhausen.

2011 wird sich Nicolaus Schafhausen neuen Herausforderungen stellen. Wo, ist noch nicht klar. Mich interessieren andere kulturelle Kontexte in anderen Ländern; ich möchte meine eigene Sichtweise immer wieder überprüfen. Seine täglichen Kommentare und Statusmeldungen im Internet-Forum Facebook zeigen, dass er dies ständig macht. Auf der ganzen Welt. In Bewegung sind bei Schafhausen nicht nur die Beine, sondern vor allem die Gedanken. Dass er am Ende des 90-minütigen Gesprächs dann doch etwas müde wirkt, macht ihn nur sympathischer. Der nächste Termin für Nicolaus Schafhausen? War am Mittwochmorgen in Rotterdam.

Wir danken den Stuttgarter Nachrichten und dem Autor Marko Schacher für den Text.

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