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Galerie Klaus Gerrit Friese

Gesprächsreihe »Über Kunst« – 8. Termin in der Galerie Klaus Gerrit Friese am Mittwoch, den 24. Februar 2010, mit André Butzer

Viel wird über die Bedeutung von Kunst in der Gesellschaft diskutiert. Unter dem Titel »Über Kunst« konzipieren wir in Zusammenarbeit mit den Stuttgarter Nachrichten eine eigene Veranstaltungsreihe.

Zu Gast war am 24.2.2010 der Künstler André Butzer im Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, dem Kulturressortleiter der Stuttgarter Nachrichten.

Stuttgart – Hamburg – Stuttgart – Hamburg – Berlin – Berlin-Rangsdorf: Das sind die Lebensstationen von André Butzer. Ausstellungen seiner Werke führen ihn heute in alle Welt. Einerseits Kunststar, andererseits Impulsgeber von Kollektivprojekten – auch aus dieser Spannung schöpft der gebürtige Stuttgarter.

„Ich bin kein Maler, ich bin Künstler“

zwei Personen auf dem Podium Nikolai B. Forstbauer im Gespräch mit André Butzer (Fotos: Frank Kleinbach)

Zeitgenössische Kunst gibt es nicht. Und alles, was nach Paul Cézanne kam, gehört vernichtet, wenn auch nicht ausradiert. Kein Murren wird laut unter den etwa 120 Zuhörern, wenn André Butzer seine radikalen kunsttheoretischen Ansichten äußert. Und schon nach wenigen Dialogminuten ist klar: Nikolai B. Forstbauer hat an diesem Abend einen höchst eigenwilligen Partner im Gespräch.

1973 in Stuttgart geboren, wurde Butzer in der internationalen Kunstszene durch seine von ihm als Science-Fiction-Expressionismus bezeichneten Bilder bekannt. Angeregt durch Walt Disney, verwendet er selbst kreierte Figuren, die als Synonym für historische Personen wie solche aus dem „Dritten Reich“ benutzt werden. Der Blick nach Kalifornien – und damit zu Disney – drängte sich Butzer schon als Kind auf und ging in frühe Arbeiten als Comickultur ein. Disney, sagt er, begegnete mir als kolonialisierte Form in der schwäbischen Heimat mit Blick auf die Patch Barracks. Solche Quellen seien überhaupt immer gut, um Spannung aufzubauen.

André Butzer mit deutlicher Gestik André Butzer

Andere Startimpulse? André Butzer verweist auf die wenigen Monate in der Merz-Akademie in Stuttgart. Dort, sagt er, sei er hingegangen, um die richtigen Menschen am richtigen Ort zu finden, Diedrich Diederichsen etwa, und um so schnell wie möglich wieder abzuhauen. Zurück nach Hamburg – wo er sich den Traum erfüllte, Teil einer Avantgardebewegung zu sein. Mit anderen Künstlern gründet Butzer 1996 die Akademie Isotrop. Die Beteiligten sind zugleich Studierende und Lehrende, halten Vorträge, organisieren Ausstellungen. Die Seminare für Philosophie, Kunstgeschichte und Grafikdesign finden in Wohnungen statt.

Besucher des Vortrags links: Galerist Klaus Gerrit Friese im Gespräch mit Matthias Schröder und Julia Schneider | rechts: rund 120 Gäste füllten die Galerieräume in der Rotebühlstraße

Ich schöpfe aus dem Stoff, aus Materie und philosophischem Wissen, nicht aus Ideen, gibt André Butzer Auskunft. Nebenbei winkt er Bekannten unter den Gästen des Abends zu und gibt sich versöhnlich, wenn er sich durch den Moderator mit früheren Zitaten konfrontiert sieht. Die Trennung von E- und U-Kunst gibt es nicht, wir sind alle E und U – das soll ich gesagt haben?, fragt er. Und ergänzt: Das ist das Dilemma, in den 1990er Jahren kamen alle Kategorien zusammen, das war das Übelste, was uns passieren konnte. Vielleicht, denkt er dann öffentlich nach, wollen nun alle Doppel-U sein. Kunst bewegt sich für ihn auf einem schmalen Grat zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und Butzer warnt, für viele überraschend, vor dem Begriff des Zeitgenössischen. Eine zeitgenössische Kunst macht sich zum Teilhaber von Moden und Trends, sagt Butzer.

ein Mann liest vor dem Publikum aus einem Buch Thomas Kamm liest eine Rilke-Sequenz über die Farbe Grau

Kunst, so ahnt man, ist für Butzer mehr und mehr etwas, das außerhalb der Zeitströme stattfindet. Ich bin ja kein Maler, ich bin Künstler, sagt er – und erinnert zur Begründung an die Logik, mit der sich seine Bildwelt aus seiner Sicht entwickelt hat. Einige Zeit, sagt er, habe ich, mit 20 oder so, Papier mit vielen verschiedenen Farben bemalt – und vieles aufleuchten sehen. Delfine zum Beispiel. Kurz hält er inne – und sagt dann: Man muss sich nur dumm genug anstellen, um etwas in Wasserfarben zu sehen. Ironisch meint er das nicht. Die Delfine zu deuten, sagt er, sei eine logische Konsequenz aus Stoff. Genauso verfahre er mit seinem Figurenensemble, mit den Friedens-Siemensen, mit Schande-Menschen und Henry Ford. Der Stoff sei industrialisiert, der Stoff sei Henry Ford – also gebe es keinen Grund, Henry Ford nicht zu malen. Als Kommando Henry Ford tauchte der US-amerikanische Namensgeber für eine von Butzer organisierte Gruppenausstellung 2004 im Neuro-Café in Stuttgart auf. Das Kommando Tilmann Riemenschneider war 2008 im Hospitalhof zu sehen, andere Kommando-Projekte gingen um die Welt. Die Kommandos, sagt Butzer, waren der Versuch, unsere avantgardistischen Kollektive fortzuführen, ein Versuch, jenseits der Einsamkeit des Künstlern tätig zu sein.

Publikum Im Publikum Christiane Friese, Conny Winter, Christa Winter und Helmut Raff

Sucht er aber nicht diese Einsamkeit selbst? Reiner Frieden, blauer Himmel, kein Blut, bestätigt Butzer, sei an dem Ort, an den er sich seit geraumer Zeit freiwillig in Einsamkeit gebracht habe. Auf dem Gelände des früheren Reichssportflughafens in Rangsdorf bei Berlin kostet er vom Glück, diesen Ort neu zu definieren.

André Butzer ist mit seinen Werken heute in wichtigen Sammlungen vertreten, seine Ausstellungen führen ihn gerade auch in den nächsten Monaten in hohem Tempo durch die Welt. Eine Gefahr sieht Butzer darin nicht. Er greift sogar zu einer überraschenden Umkehrung: Ich befinde mich, sagt er am Anfang meiner Karriere, alles, was in den Bildern angelegt wird, ist untragbar, ist unlösbar. Alles, was vorher dynamisch war, werde lebensbedrohlich. Da bin ich jetzt angelangt, sagt Butzer. Die Stille im Raum wird fast greifbar.

Darf man, so wird in den Anschlussgesprächen des Abends diskutiert werden, in unseren Tagen ein solch starkes Künstlerethos entwickeln? Das Gespräch auf der Bühne endet folgerichtig mit der Frage nach der Rolle des Künstlers in unserer Gesellschaft. Künstler, sagt Butzer, sollen Geschichte machen in Form eines Traums, der nicht verdrängt, sondern entwirft. Geschichte aber könne man nicht voraussagen. Erst aus der Zukunft betrachtet, sei sie Vergangenheit.

Auf Bitten André Butzers klingt der Abend mit Kunst über Kunst aus: Der Schweizer Thomas Kamm liest eine Rilke-Sequenz über die Farbe Grau.

Wir danken den Stuttgarter Nachrichten und der Autorin Brigitte Jähnigen für den Text.

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