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Galerie Klaus Gerrit Friese

Gesprächsreihe »Über Kunst« – 15. Termin in der Galerie Klaus Gerrit Friese am Dienstag, den 13. März 2012 mit Dr. Götz Adriani, dem früheren Direktor der Kunsthalle Tübingen.

Viel wird über die Bedeutung von Kunst in der Gesellschaft diskutiert. Unter dem Titel »Über Kunst« konzipieren wir in Zusammenarbeit mit den Stuttgarter Nachrichten eine eigene Veranstaltungsreihe.

Götz Adriani steht zu seiner inneren Freiheit. Die Künstler und ihr Werk, nicht die Vermittlung von Kunst habe er zu seiner Verantwortung gemacht, bekennt der ehemalige Leiter der Kunsthalle Tübingen als Gast unserer Veranstaltungsreihe.

Die Kunst hat einen eigenen Eros

Herr Adriani auf dem PodiumGötz Adriani (alle Fotos: Frank Kleinbach)

Ganz souverän, so zeigt sich Götz Adriani (71) auf dem Podium vom ersten Moment an. Und schnell bestätigt sich der Lebenslauf als Ergebnis inhaltlicher Konzentration. In den ausgehenden 1950er und beginnenden 1960er Jahren studiert er Kunstgeschichte, erlebt einen von Experimenten bestimmten Aufbruch junger Kunst in einer gesellschaftlich eher als statisch beschriebenen Gesellschaft. Auch im Rückblick sieht Adriani den möglichen Widerspruch zwischen Experiment und Statik nüchtern: Das hat mich nicht interessiert, ich interessierte mich für Kunst, sagt der gebürtige Stuttgarter im Dialog mit Nikolai B. Forstbauer, Kulturressortleiter der Stuttgarter Nachrichten.

Kunsthalle Tübingen mit internationalem Ruf

Zwei Herren im Gespräch auf dem PodiumNikolai B. Forstbauer im Gespräch mit seinem Gast

Auf eigenem Weg – das ist Adrianis Kurs. Mit Dalí und Chagall wäre ich sicherer ­gewesen, verweist er auf sein Ausstellungsprogramm in der 1971 eröffneten Kunsthalle Tübingen. Joseph Beuys, Piero Manzoni, Robert Rauschenberg, Sigmar Polke, Peter Roehr, Anselm Kiefer statt Dalí und Chagall, aberspäter auch Paul Cézanne, Edgar Degas, Heinri Rousseau und Pablo Picasso: Die architektonisch eher bescheidene Kunst­halle Tübingen – es ist ja kein Mies-van-der-Rohe-Bau, sagt Adriani mit dem für ihn typischen leisen Lächeln – wird in der vier Jahrzehnte währenden Adriani-Ära zur Institution für Kunst von internationalem Ruf.

Adriani vor einem großen GemäldeAdriani vor einem Gemälde von Tatjana Doll.

In ein Zentrum internationaler Gegenwartskunst aber kommt Adriani schon 1966 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt. Dort lernt er Karl Ströher kennen. Ströher war Eigner des Wella-Konzerns und Sammler von Werken amerikanischer Pop-Art wie Roy Lichtenstein und Andy Warhol sowie deutscher Künstler wie Joseph Beuys und Franz Erhard Walther.

Wie er Ströher erlebt hat? Adriani erheitert die 150 Zuhörerinnen und Zuhörer mit einer Anekdote: Eine meiner ersten Begegnungen mit Ströher war eine Fahrt ins Rheinland. Abgeholt wurde ich von einem Mercedes 600 mit Chauffeur. Zur Mittagszeit teilte Ströher einen Apfel. Das war die einzige Verpflegung an diesem Tag.

Götz Adriani wirkt eher wortkarg

In Darmstadt traf Adriani auch Joseph Beuys. Ich habe keinen Menschen kennengelernt, der so gut zuhören und auf sein Gegenüber reagieren konnte wie Beuys, sagt er. 1968 begann Beuys die Hauptwerke des Beuys-Blocks im Hessischen Landesmuseum aufzubauen. Und Beuys, betont Adriani, habe mit seiner Ausstellung 1979 im Guggenheim-Museum in New York als erster deutscher Künstler nach 1945 die Türen zur internationalen Wahrnehmung deutscher Künstler geöffnet. Sechs Jahre zuvor erscheint die erste Biografie über Beuys – mit herausgegeben von Götz Adriani. Jedoch: In einer Berliner Buchhandlung, sagt er, fragte ich seinerzeit nach dieser Biografie, die Verkäuferin sagte, ach, nehmen Sie doch lieber die von Heiner Stachelhaus, die ist viel besser.

Götz Adriani wirkt eher wortkarg, spricht leise, präzise, zeigt wenig innere Bewegung. Doch wie viel Leidenschaft für die Kunst, wie viel Energie, wie viel Freiheit (auch gegenüber Bürgerprotesten gegen die Kunst) in diesem Mann stecken muss, der mit Werken Willi Baumeisters 1971 die Ausstellungsgeschichte in der Kunsthalle Tübingen beginnen lässt, spüren die Zuhörer an diesem Abend immer wieder.

Pionierarbeit hat mich immer gelockt, sagt Adriani. Mit dem Reiz des bisher in Deutschland Unbekannten sah sich das Publikum wiederholt konfrontiert – und folgte dem zu Entdeckenden in immer größerer Zahl. Bis zu 400.000 Besucher strömten zu den Ausstellungen auf die Tübinger Höhe. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, sagt Adriani, Rousseau, aber auch Degas waren in den 1980er Jahren unbekannte Klassiker.

Blick durchs Fenster auf die Zuhörer und Nahaufnahme einiger GästeEin volles Haus mit über 100 Besuchern in der Galerie, darunter der frühere Staatsgalerie-Chef Christian von Holst (rechtes Bild Mitte).

Und was war 2005, als Adriani im letzten Jahr seiner aktiven Ausstellungsarbeit die Schau „Bordell und Boudoir“ mit Werken von Toulouse-Lautrec, Cézanne, Degas und Picasso präsentierte und sich das Publikum eher reserviert verhielt? Ich glaube, sagt Adriani, dass Bordelle noch immer ein Sakrileg im Pietistisch-Schwäbischen sind. Das hindert ihn nicht daran, Picassos Bild Les Demoiselles d’Avignon als Bordell-Szene und als Beginn der Moderne zu werten. Und er ergänzt: Bordelle, Rennplätze, Salons waren seit der Umgestaltung der Stadtquartiere durch Baron Haussmann in Paris Schauplätze der modernen Kapitale.

Besucher im GesprächIm Gespräch: Hannelore Paflik-Huber, Christiane Friese, Randi Bubat, Wolfgang Dauner und Götz Adriani (v. li.)

40.000 Euro im Jahr hat Adriani als Leiter der Kunsthalle Tübingen als Ausstellungsetat zur Verfügung. Und doch zeigt er Ausstellungen, die Millionen kosten. Deshalb mag er nicht verstehen, weshalb es heute immer heißt, wir haben kein Geld. Eigentlich, so Adriani knapp, muss es heißen: Wir haben keine Ideen. Museen heute, ergänzt er noch, zeigten zu wenig Selbstbewusstsein. Museen sind Instanzen, sagt Adriani – und gibt für den nicht immer einfachen Dialog mit privaten Sammlern zu bedenken: Die Sammler kommen so oder so, die Museen müssen nur warten. Seine jungen Kollegen beneide er gleichwohl nicht – der Erfolgsdruck ist hoch.

Tübingen hat Adriani zum Ehrenbürger gemacht

1999 übernimmt Götz Adriani die Leitung eines musealen Experiments. In Karlsruhe wird in zwei Lichthöfen der IWKA-Hallen, in denen das von Heinrich Klotz gegründete Zentrum für Kunst und Medientechnologie Platz findet, das Museum für Neue Kunst eröffnet. Von Beginn an, so macht Adriani noch einmal deutlich, konnte aber die zehn Jahre zuvor in Stuttgart entwickelte Idee eines sich auf Werkblöcke herausragender Privatsammlungen stützenden Hauses der Gegenwartskunst nicht die erhoffte Energie entwickeln.

Wie ehrt man eigentlich Götz Adriani, seit 2005 über den Vorsitz der Stiftung Kunsthalle Tübingen eher interessierter Beobachter im eigenen Haus? Tübingen hat Adriani zum Ehrenbürger gemacht – mit 16 Jastimmen, 13 Neinstimmen und fünf Enthaltungen. Jetzt, sagt Adriani und lächelt, kann ich zu ermäßigten Preisen in die Kunsthalle gehen.

Und was bleibt von seiner Tätigkeit als Berater der Kunstkommission des Deutschen Bundestags? Dort wurde auf hohem Niveau über Kunst gesprochen, betont Adriani. Als Berater wirkt Adriani noch immer – vor allem in Baden-Baden. Doch im Museum Frieder Burda sind immer wieder auch von Adriani erarbeitete Ausstellungen zu sehen – aktuell eine Retrospektive zum Werk des US-amerikanischen Malers William N. Copley. Copley ist heiter, Heiterkeit in der Kunst ist selten, begründet Adriani seine Wahl. Und der Blick voraus? Götz Adriani plant, aber nicht in Baden-Baden, sondern in einem anderen Haus, eine vergleichende Präsentation der Papierarbeiten von Joseph Beuys und Anselm Kiefer. Ich glaube, die Ausstellung wird schön, sagt er. Man glaubt es ihm nur zu gern.

Wir danken den Stuttgarter Nachrichten und der Autorin Brigitte Jähnigen für den Text.

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